32 Lebensversicherer gefährdet. Oder 56?

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Bild: Wikipedia commons - Michelangelo Buonarotti - Das jüngste Gericht (Sixtina)

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Das jüngste Gericht

Lebensversicherer gefährdet? Das klingt nach reißerischer Presse zum Zwecke der Auflagensteigerung oder zur Steigerung der Klick-Lust des Lesers. Die Überschrift stimmt aber: Die Zahlen stammen von keinem Geringeren als der Deutschen Bundesbank.

Wenn die Zinsen weiter so niedrig bleiben wie zurzeit, dann müssen in den kommenden Jahren bis zu 32 Lebensversicherungen ihre Tore schließen, oder sogar 52. Das sagt die Bundesbank in einer Stellungnahme zum geplanten Lebensversicherungs-Reformgesetz (LVRG), das am 4. Juli im Bundestag verabschiedet werden soll. Deutschlands Staatsbank, die zugleich Währungshüterin ist, hat für die 85 größten Lebensversicherungs-Unternehmen bis zum Jahr 2013 so genannte Stress-Szenarien durchgerechnet.

Was-wäre-wenn-Situationen? Ist das überhaupt realistisch? Ganz klar: Ja. Die für die Szenarien verwendeten Zinssätze lägen „deutlich oberhalb der tatsächlichen Werte“, schreibt die Bundesbank wörtlich. Und um Zinsen geht es.

Zinskrise nicht auszuhalten – Ausfälle nicht aufzuhalten

Blog-SC- LV-saniert-LVRGStellen wir uns dazu alle knapp 90 Millionen Lebensversicherungen als einen riesengroßen Sparvertrag vor. Für den muss die Lebensversicherung jedes Jahr etwa 2,5 Prozent Zinsen zahlen. Diese Zinsgarantie gilt für mehrere Jahrzehnte. Nun hat die Bundesbank gerechnet und kommt in einem „milderen Stress-Szenario“ für die kommenden etwa zehn Jahre auf Zinseinnahmen knapp unter diesen 2,5 Prozent (genauer: „Nettoverzinsungen“ unter Berücksichtigung von Reserven). Hier müssen die Lebensversicherer Geld zusetzen, das ihnen knapp wird. Dadurch könnten 12 von 85 betrachteten Versicherer auf der Strecke bleiben, weil ihnen Reserven (dazu unten mehr) und das Eigenkapital wegschmelzen.

In einem „verschärften Szenario“ rechnet die Bundesbank mit weiter fallenden Zinsen, die bis unter 1,0 Prozent sinken könnten. In der Folge würden bis zu 32 Lebensversicherer „ausfallen“ wie die Staatsbank es formuliert. Diese Unternehmen haben den Angaben zufolge nach Beitragseinnahme immerhin 43 Prozent Marktanteil! Glaubt man der Bundesbank, dann steht die Lebensversicherung vor einem Abgrund, wenn nichts geschieht.

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Quelle: Bundesbank

Quelle: Bundesbank

Das geplante Lebensversicherungs-Reformgesetz sieht unter anderem zwei wesentliche Regelungen vor:

1. Bewertungsreserven (auch „Stille Reserven“ genannt) sollen – kurz gesagt – über mehrere Jahre verteilt und nicht mehr an ausscheidende Kunden (Kündigung, Vertragsablauf) ausgezahlt werden. Dieses zeitliche Strecken der Auszahlung stiller Reserven dürfen oder müssen Versicherer einführen, wenn ihre Zinserlöse unter den Soll-Wert fallen. Bei unserem „riesengroßen“ Beispiel-Sparvertrag liegt diese Schwelle bei 2,5 Prozent. Tatsächlich wird die zuständige Versicherungsaufsicht jeden Versicherer einzeln betrachten, bewerten und das Entsprechende anordnen.

Ein Auszahlungs-Stopp bei den stillen Reserven erspart den Versicherern je nach Szenario Geldabflüsse von bis zu 14 Milliarden Euro. Genauso viel kostet die Rettung der Lebensversicherung die Sparer. Unter diesen Umständen würden, so die Bundesbank, würden nur noch bis zu 13 Lebensversicherer „ausfallen“. Sonst wären es wie oben zu lesen bis zu 32.

2. Dividenden-Stopp für die Aktionäre

Lebensversicherungen, die ihre stillen Reserven selbst brauchen, also die Auszahlung stoppen, sollen auch keine Dividenden mehr an ihre Aktionäre ausschütten dürfen. Dies brächte die Versicherer in doppelte Probleme. Wegen flacher Zinsen können sie die Kunden nicht ausreichend bedienen. Neues Eigenkapital von außen, zum Beispiel durch Ausgabe neuer Aktien, würde nicht einfließen: Aktionäre kaufen nur Aktien, wenn sie Dividenden erhalten.

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Quelle: Bundesbank

Quelle: Bundesbank

Dennoch hält die Bundesbank den doppelten Auszahlungs-Stopp an Sparer und Aktionäre für nötig. Wenn nämlich beides(!) nicht käme, rechnet die Bundesbank mit noch mehr Versicherer-Pleiten: bis zu 56 Unternehmen von 85 gemessenen müssten dann aus dem Markt ausscheiden: „Diese Standardannahme stellt also bereits den Fall dar, dass der Sicherungsbedarf größer ist als der Bilanzgewinn und demnach keine Ausschüttungen mehr vorgenommen werden dürfen“, schreibt die Bundesbank.

Was passiert, wenn ein Lebensversicherer ausfällt?

Zur relativen Beruhigung: Diese Gesellschaften wären nicht im eigentlichen Sinne „pleite“, aber sie kämen an die kurze Leine. Das bedeutet, die Versicherungsaufsicht BaFin, eine Bundesbehörde, würde das Ruder übernehmen und die Unternehmen in ihren eigenen „Bad Versicherer“ namens Protektor überführen – oder ein größerer Versicherer kommt als „Weißer Ritter“.

Blog-SC-LV-segelt-twitterEin Protektor-Fall ist geschehen: vor gut zehn Jahren, als die „Mannheimer Lebensversicherung“ nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht mehr ausreichend finanziert war. Bevor eine Lebensversicherung wirklich pleite ginge, hätte sie ein tief gestaffeltes Sicherungssystem durchlaufen, mit dem ihre Stabilität auf Jahre im voraus gesichert wird. Auf diesem Weg der Sanierung und Sicherung müssten allerdings auch die Sparer bluten; zum Beispiel, indem ihre Versicherungsleistungen im Extremfall beschnitten würden. Aber: Plötzliche Pleiten wie bei Banken sind ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den Banken (zumindest bis etwa 2008) horten Versicherer KEINE „außerbilanziellen“, also heimlichen Risiken.

Andererseits spricht die Bundesbank bei den Lebensversicherungen von „struktureller Verwundbarkeit“. Mit anderen Worten: Das System Lebensversicherung funktioniert nicht mehr.

Unterdessen segelt eine panische Armada der Lebensversicherung gegen die schweren Kreuzer von Amazon, Apple und Google in die Schlacht um die Kunden der Zukunft.

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Bild: Wikipedia commons - Michelangelo Buonarotti - Das jüngste Gericht (Sixtina)

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