Useability-Check: Riester-Rente mit fairr.de

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Alle Bilder: Screenshots von fairr.de

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www.fairr.de oder eine Riester-Odyssee

Ein neues Portal will Riester-Renten vermitteln. Vor allem soll das Angebot zwei Eigenschaften haben: wenige Kosten und höhere Renditen. Dort soll sich der Bürger durchtasten.

#klartextfinanzen hat das Portal ausprobiert und sich dabei eine wesentliche Frage gestellt, die sich alle Riester-Sucher (gibt aktive Riester-Sucher?) stellen:

Wie läuft das hier und wie komme ich ans Ziel?

Riestern eben. Sonst nichts. Deutsche sind nämlich vor allem eines: Erlediger. Gut oder schlecht? Erledigt. Riester-Profis sind die Deutschen nicht. Fachleute wühlen sich durch, aber die sind nicht das Publikums für den einfachen Weg zum Riester. Also auf zum Ziel. Wenn schon riestern, dann richtig.

Konkreter interessiert den Sparbürger, wie „das mit dem Riester“ funktioniert, wie viel man einzahlen muss und – ja – wie er ans Ziel kommt. KLICK auf www.fairr.de. Der Besucher sieht das:

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Als erstes fallen dem Besucher links die schicken Screens auf. Fairr.de ist responsive, passt sich also an alle Endgeräte an, egal ob PC, Tablet oder Smartfone.

Auf der rechten Seite wirbt fairr.de mit vier Vorteilen:

Bildschirmfoto 2014-09-20 um 01.35.32Allein auf diesem Feld kann der User fünf mal klicken. Klick auf „keine Abschlussprovision“ führt auf einer Irritation. Zu einem interaktiven, ich nenne ihn Kostenbalken. Was soll das? Die Info „keine Provision“ sagt doch alles. Nichts. Keine Provision. Stattdessen wird der Besucher über niedrige, aber doch Kosten informiert, von denen er an dieser Stelle gar nichts wissen will. Ach klicken auf „niedrige laufende Kosten“ führt zum unerwarteten Kostenbalken.

 

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Auf dem Balken kann der Besucher dann spielen. Aber was? „Was“ 1.000.000 Euro Depotwert im Monat kosten? Oder nur 100.000 Euro? Ja! Kosteninformationen sind wichtig! Aber hier deplaziert, weil ungefragt. Im übrigen fragt man bei Summen nicht „was„, sondern „wie viel„. Ist sprachliche Klarheit Luxus? 


Ein Klick auf „Renditestark durch ETFs“ führt zu einem Finanzfachtext oder -test: 

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Einmal emotional gefragt, wir sind ja heute Laien-User und nicht riester-analytisch gestrickt:

Interessieren sich Riester-Sucher für einen „Fokus auf langfristige Rendite“? Oder wollen sie eine Zusatzrente zur Rente (zur Gesetzlichen Rente, die ja immer weiter schrumpft)?.

Tipp: Die Leute wollen etwas über ihre Rente wissen und wie viel das später wird. Der Klick hierher ist also eine Sackgasse – die durch Fachbegriffe außerdem zugemauert wird. Diversifikation, (bewährte?) Assetklassen, Hebelprodukte, Zertifikate? Hier hat ein Finanztexter für Finanzfachleute getextet. Nur, die sind hier nicht. Und was zur Hölle sind ETFs, fragt sich der Laie. 

Sackgassen verheizen User – und Geld

Bildschirmfoto 2014-09-20 um 01.35.32Die Klicks auf die ersten drei genannten Vorteile führen in Sackgassen oder verfrüht zu unerwarteten, unverlangten Informationen. Usability? User Billy ist verwirrt. Die Lösung wäre einfach: die Links auf auf Kosten, Provision und ETFs einfach LÖSCHEN, damit der scheue Riester-Interessent auf dem Weg bleibt. Zum Ziel. 

Umgekehrt ist es umgekehrt: „Ist das kompliziert„, dürfte so mancher Laie jetzt schon denken, weil er bis hier noch keinen Schritt weiter ist, aber dafür über-informiert wird. Durchaus gelangweilt. 

Wie viele Besucher von fairr.de fallen jetzt ab? Klicken weg? (versauen also dem Web-Controller die so genannte Conversion Rate).

So werden Start-up-Gelder verheizt: mit vier überflüssigen Links! Und der User: Nächster Versuch mit einem Klick auf „Staatlich gefördert„. Bingo:

Das wäre die eigentliche Startseite!

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Hier kann der User endlich mal das tun, was ihn interessiert. Mit seinen Daten spielen. Spielen ist erwünscht, weil es die Besucher beschäftigt und länger durchhalten lässt. Endlich ein Start. Meine Daten! Diese Seite wäre die perfekte Startseite. Leicht umformuliert: Hallo Besucher, hier kannst deine Riester-Rente rechnen.

Dennoch hat diese Wunsch-Startseite einen Nachteil. Sie nennt, besser visualisiert keinen Bedarf, sagt also nicht, warum der Besucher hier rechnen soll. Ein Kardinalfehler der Kommunikation, wo verkaufen über Bedarf geht: BedarfsVERmittlung zum Zweck der BedarfsERmittlung.

Wo – wie oben zur der Startseite erwähnt – Informationen zu viel des Guten sind: hier fehlen sie. Bedarfsinfos. Insgesamt sind die Informationen auf fairr.de nicht dosiert. Dies zeigen auch die weiteren Frage-Logiken, denn ein logischer Algorithmus muss nichts mit Benutzerfreudlichkeit zu tun haben:

Überflüssig!

Es verirren sich sehr selten sozialversicherungs-befreite, beherrschende Gesellschafter-Geschäftsführer einer GmbH auf Riester-Portale. Hier fehlt der Mut zur Lücke. Wieso müsste sich übrigens ein solcher aufdringlich duzen lassen? Übrigens schreibt man „du“, „dir“ und „dein“ heute klein, sagt der Duden. Auch ein Indiz, dass hier ein Fachtexter nicht an alles denken konnte.

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Der Fragetext könnte außerdem gekürzt werden, wenn die Seite nicht ganz gelöscht wird. Sehr gut dagegen die Usability, die Nutzerfreundlichkeit der Rechenseite: eine Frage = ein Klick. Beruf – Klick. Kinder – Klick. Und so weiter. Aber: Drei bis vier Ankreuz-Fragen zu Berufsstatus, Kinder und Einkommen würden das Verfahren durchaus beschleunigen.

Hier wird der User unterfordert, während er bei Fachinformationen zu ETF & Co überfordert wird. Das ist ein Dauerproblem (auch) in der Kundenkommunikation.

Klickt der Besucher sich durch die Riester-Fragen (bessere, die sechs bedarfsentscheidenden hat übrigens Riester-Papst Joachim Haid aus München) durch …

Bild: Joachim Haid

Bild: Joachim Haid

… dann kommt er hier an:

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„… welche Vorteile du bekommst“. Der Kunde will Ergebnisse und keine Vorteile. Die Nennung einer Rentenhöhe wäre gut. Aber soweit sind noch nicht.

Beratungsproblem: Im Beispiel (Bild oben) bekommt der Riester-Sparer nur 128 Euro Zulage statt möglicher 154 Euro Höchstbetrag (ledig). Ganz einfach deshalb, weil er seinen Riester-Beitrag noch nicht höher eingestellt hat. Hier fehlt ein Hinweis:

„Bei deinem Einkommen musst du mindestens xxx Euro riestern, um die volle Zulage zu bekommen“.

Optisch kann der Benutzer das kaum erkennen, weil sich mit dem Verschieben des Beitrags auf dem Balken alle fünf Werte dynamisch ändern.

Verwirrend wird es, wenn der Beitrag über den Riester-Höchstrag hinaus geregelt wird. Dann springt eine zweite Liste ins Bild, die die Leibrente inklusive ihrer Besteuerung meint. Meint! Verstanden wird das vom Laien kaum.

Eher wird es chaotisch und der User fragt sich: Wieso plötzlich zwei Listen?! Ist das kompliziert – ich bin verwirrt. So ging es jedenfalls Test-Usern, die für #klartextfinanzen auf fairr.de das Riestern probiert haben.

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So sinnvoll das ungeförderte Sparen in der dritten Schicht (nach Erfinder Prof. Bert Rürup) ist, so verwirrend ist die Zusatzinformation. Hatte sich der angehende oder zweifelnde Sparer sich eben noch produktiv schon fast dem Problem Riester genähert, so führt die neue Variante zur Verwirrung und Verirrung.

Ferner interessiert einen angehenden Riester-Sparer kein Problem, das er nicht hat: Abgeltungssteuer. Streichen bitte. Riester-Sparer haben Einkommens- und Rentenprobleme. Deswegen sind sie hier. Und deswegen sind hier auch keine Steueroptimierer. Statt mehr Zielpublikum zu erreichen, wird das Hauptpublikum künstlich geschrumpft, ist akut zu befürchten. Das Mittel: Unverlangte Zusatzinformationen zur unpassenden Zeit an der falschen Stelle.

Wie viel Rente ich bekomme? Fehlanzeige.

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Über #klartextfinanzen 

2 Kommentare zu “Useability-Check: Riester-Rente mit fairr.de

  1. […] Finanzjournalist kritisiert fairr-Riester Das Portal fairr.de bietet die Riester-Rente per Mausklick; es lockt mit weniger Kosten und höheren Renditen. Finanzjournalist Markus Rieksmeier machte den Praxis-Test. Sein Fazit: Im Web wird riestern auch nicht einfacher. Klartext Finanzen […]

  2. […] Hier gehts zum Test. […]