Was sind eigentlich Rürup-Schichten?

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sandwich1 - candelaria by cambio de Sentido

Bild: Cambio de Sentido (Candelaria)

Kompliziert? Jein!

Vor gut zehn Jahren erdachte Professor Bert Rürup für den damaligen Bundeskanzler Schröder eine neue Besteuerung von Renten. Der Grund dafür ist einfach: Das Bundesverfassungsgericht verlangte eine gleiche Besteuerung von Rentnern und Beamten. Damals herrschte nämlich ein Steuer-Durcheinander. Die Details ersparen wir uns. Am 1. Januar 2005 trat das so genannte Alterseinkünftegesetz in Kraft.

Statt jetzt über Herrn Rürups Überlegungen zur Steuer-Systematik zu sprechen, wenden wir uns lieber dem seit 2005 geltenden Grundsatz zu. Er lautet:

Alle Renten werden künftig voll besteuert

Alle Renten werden voll besteuert, basta! Junge Sparer werden dafür beim Aufbau ihrer Rente steuerlich entlastet. Eigentlich wären wir an dieser Stelle fertig. Aber um ein Steuersystem für rund 80 Millionen junge und alte Menschen umzustellen – fast alle sind betroffen – braucht man nun einmal 30 bis 40 Jahre. Schließlich kann man einem Ruheständler mit 1.600 Euro Monatsrente nicht plötzlich(!) mal eben 150 Euro „neu erfundene“ Steuern abziehen! Dieser Rentner, nennen wir ihn Helmut Fleißig, hat schließlich mit seiner vollen Rente gerechnet Und seit 2004 – vor der Reform – auch bekommen. Und behalten.

Helmut Fleißig blieb im Jahr 2005 also von zusätzlichen Steuern verschont – Rürup sei Dank. Dafür zahlt sein Sohn, der heißt Jens Fleißig und wir beamen uns einmal in das Jahr 2040, künftig 200 (nicht 150, siehe oben!) Euro Steuern auf seine Gesetzliche Rente von 1.600 Euro (Inflation und Rentenanpassungen vergessen wir jetzt einmal großzügig; weitere Renteneinnahmen auch).

Alle Neurentner seit 2005 bis 2040 zahlen, um im Beispiel von Fleißig Junior und Senior zu bleiben, zwischen 0 und 200 Euro Steuern auf ihre 1.600 Euro Rente. Je später sie in Rente gehen, desto mehr. Sagt Rürup, sagt „sein“ Alterseinkünftegesetz.

Schichtenmodell

Und so ersann Professor Rürup für die Rente der Zukunft sein Schichtenmodell. Drei Schichten, die sich in der Ansparphase (Steuerförderung) und in der Rentenphase (Besteuerung) unterscheiden. Hier in umgekehrter Reihenfolge, weil „Basis“ nach unten gehört:

3. Schicht – Kapitalanlageprodukte (der Rest)
2. Schicht – Förderprodukte (Betriebsrente und Riester-Rente)
1. Schicht – Basisversorgung (Gesetzliche Rente, Berufsständische Versorgung: Ärzte etc., „Rürup“- oder Basisrente)

Grafik: klartextfinanzen

Grafik: klartextfinanzen

1. Schicht – Basisversorgung

Grafik: BMF

Grafik: BMF

Die Basisversorgung gilt für alle künftigen Rentner der Gesetzlichen Rentenversicherung, aber auch für Ärzte oder Rechtsanwälte und deren berufsständische Versorgungswerke. Diese Menschen können seit 2005 ihre Beiträge zur Rente von der Steuer absetzen.

In #Kurzform:

Steuerlich absetzbare Rentenbeiträge:
2005 ging es mit 60% der Beiträge los, die damals von der Steuer absetzbar waren..

Im Jahr 2014 waren 78 Prozent erreicht.

Ab 2025 sind die gesamten Rentenbeiträge steuerfrei – bisher bis maximal 20.000 Euro pro Jahr. Dies galt per Stand 2014. Künftig steigt dieser Betrag jährlich:

Ab 2015 gelten 22.172 Euro als Maximum, die in diesen Jahr zu 80 Prozent absetzbar sind.

Rentensteuer
<== Hierfür gibt es ein Tabelle (siehe links):
2005 wurden 50 Prozent der Rente besteuert (darauf der persönliche Steuersatz).
2014 sind 68 Prozent Besteuerungsanteil erreicht.
Ab 2040 sind Gesetzliche Renten voll zu versteuern.

Gewusst? Gemerkt? Und so startete das Jahr 2005 für angestellte Top-Verdiener (damals über 5.100 Euro brutto) mit einer Gehaltserhöhung von rund 50 Euro im Monat!

Der Grund: Diese Menschen konnten plötzlich 60 Prozent ihrer Rentenbeiträge von der Steuer absetzen (weniger Verdienende natürlich auch, aber dort fiel der Zuwachs beim Netto noch weniger auf!).

Was all taten diese Menschen? Was tat der junge Jens Fleißig, dem später höhere Rentensteuern drohen?

Nichts! Kaum einer dieser Besserverdiener kannte das Alterseinkünftegesetz. Kaum einer dieser Menschen, Jens Fleißig auch nicht, analysierte die geänderte Gehaltsabrechnung mit 50 Euro mehr auf dem Konto. Diese 50 Euro Gehaltserhöhung steigen sogar bis 2025 (und dann bleibend) auf über 80 Euro im Monat.

Kunden und Finanzberater aufgepasst!

Mit vier Prozent angelegt würde aus der oben beschriebenen Gehaltserhöhung nach (angenommen) 30 Jahren eine Rentenerhöhung von rund 180 Euro. In groben Zahlen entspricht das der Mehr-Besteuerung von Renten im Jahr 2040! Der Aufwand des Rentenbürgers wäre gleich Null gewesen. Wenn, ja wenn er seine Gehaltserhöhung zur Vorfinanzierung dieser Steuern verwendet hätte. So hat der fleißige aber uninformierte Jens Fleißig im Alter mehr Steuern zu zahlen. Aus Geld, dass er nicht zusätzlich hat.

Hier hätten Finanzberater, Versicherungsvertreter, Versicherungsmakler oder Bänker (mit „ä“) seit 2005 bei der Vorsorgeberatung ihrer Kunden aufpassen müssen. Haben sie aber nicht oder zu selten. Das Alterseinkünftegesetz ist nicht nur beim Bürger, es ist auch bei vielen Finanzberatern innerhalb von zehn Jahren nicht angekommen. Stattdessen bedienen sich viele Finanzberater bei den so genannten (Rürup-)Schichtenrechnern im Internet oder bei Versicherern, die das Optimale aus Rürups Renten-Schichtensystem herausholen wollen. Vergeblich. Viele dieser Rechner funktionieren nicht richtig.

Und was ist eigentlich eine Rürup-Rente?

Unglaublich? Die Rürup-Rente ist dasselbe wie die Gesetzliche Rente oder die Ärzteversorgung! Sie wird nur (meistens) beim Versicherer angespart. Die Steuerregeln beim Sparen und in der Renten-Phase sind identisch: zum Beispiel gibt es keine Kapitalauszahlung – nur Rente. Das war nicht schwer; vor allem nicht für Finanzberater. Wer sich also über die Rürup-Rente beschwert – unverständige Verbraucherschützer neigen dazu – der hat die identische Gesetzliche Rente nicht verstanden. Dazu waren allerdings 100 Jahre Zeit. Für alle beteiligten „Experten“.

2. Schicht – Zusatzversorgung

Die Gruppe der Förderprodukte besteht aus

Riester-Rente und
Betriebsrente

Hier gilt der Grundsatz: Volle steuerliche Absetzbarkeit der Beiträge in der Sparphase und volle Besteuerung im Alter.

Bei der Riester-Rente kann jeder Erwachsene jährlich bis zu 2.100 Euro Riester-Beitrag von der Steuer absetzen. Alternativ (das Finanzamt macht eine so genannte Günstigerprüfung) gibt es Zulagen vom Staat. Damit ist Riester steuerlich vollständig erklärt. Der Rest ist leider Papierkrieg, weil der Staat aus dieser Förderrente ein Bürokratiemonster gemacht hat.

Bei der Betriebsrente (hier wird nur die so genannte Entgeltumwandlung nach § 3 Nr. 63 EStG behandelt) können Arbeitnehmer über ihren Chef bis zu 238 Euro (Stand 2014) pro Monat in Rentenbeiträge umwandeln, meist über eine Rentenversicherung, die so genannte Direktversicherung (andere Formen werden hier nicht behandelt). Für diese 238 Euro, denken wir an Jens Fleißig, werden keine Steuern fällig. Der Sparbeitrag fließt (je nach Gehalt und Krankenversicherung meist) ungekürzt in die spätere Zusatzrente.

Riester- und Betriebsrenten werden voll versteuert.

Natürlich gibt es über beide beschriebenen Rentenvarianten viel mehr zu sagen. Hier geht es aber nur um Steuern.

3. Schicht – Kapitalanlage-Produkte

Das sind die ungeförderten Produkte, sozusagen die „Zinslaster“, bei denen ausschließlich die Rendite zählt und deren Auszahlungen voll besteuert werden. Mit einer Ausnahme:

Die Privatrente oder private Rentenversicherung, meistens ebenfalls bei einer Lebensversicherung angespart, hat Steuervorteile. Privatrenten werden nur zum Teil besteuert. Bei einem 67-Jährigen, und so alt muss Jens Fleißig bis zur Rente werden, gelten nur 17 Prozent der Rente als steuerliche Einnahme.

Das war der schnelle Ritt durch die Rürup-Schichten.

Grafik: Bundesfinanzministerium

Grafik: Bundesfinanzministerium

 

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