Wie die Lebensversicherung saniert wird

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Bild: Maraedition.de

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Angesichts der Zinskrise will die Bundesregierung die Lebensversicherer stärken. Hierzu hat das Bundesfinanzministerium nun die Eckpunkte des geplanten Lebensversicherungsreformgesetzes vorgestellt. Hier #kürzer erklärt:


Anhaltend niedrige Zinsen gefährden die Leistungsfähigkeit (Solvabilität) der deutschen Lebensversicherer. Bleiben die Zinsen flach, dann könnten nach Vorausberechnungen der Deutschen Bundesbank bis 2023 „mehr als ein Drittel“ der Lebensversicherer unterfinanziert sein. Im Extremfall müssten diese Unternehmen dann den Geschäftsbetrieb einstellen.

Rote Zahlen spätestens ab 2015

Im Jahr 2013 sind die Zinsen neu gekaufter öffentlicher Anleihen des Bundes auf etwa 1,6 Prozent gefallen. Vieler dieser Anleihen werden von Lebensversicherern gekauft. Gleichzeitig Kunden im Durchschnitt 3,2 Prozent. Zwar erlösen die Unternehmen über alles gesehen derzeit noch etwas mehr als die 3,2 Prozent (es stehen ja auch noch ältere, höher verzinsliche Papiere in den Büchern). Aber spätestens 2015 schreiben die Versicherer unterm Strich rote Zahlen und brauchen dann Milliarden, um ihre Garantien bedienen zu können. Die Regierung nennt dies „Finanzierungsdefizite beim Garantiezins“. Die vorstehenden Angaben beziehen sich auf den Branchendurchschnitt, nicht auf einzelne Unternehmen!

Grafik: bundesfinanzministerium

Grafik: bundesfinanzministerium

Die Bundesregierung will nun die „Stärkung der Risikotragfähigkeit und Stabilität“ der Lebensversicherungen erreichen, durch das neue Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG). Das federführende Bundesfinanzministerium spricht in diesem Zusammenhang von einem „ausbalancierten Paket“ zur Stabilisierung des gesamten Lebensversicherungssektors. Das Bundeskabinett hat das Gesetz Anfang Juli beschlossen. Nun geht das LVRG durch Bundestag und Bundesrat und soll noch vor der Sommerpause der Politik im Juli verabschiedet werden. Ab 1. Januar 2015 soll es gelten.

1. Mehr Beteiligung an Risikogewinnen

Die Sparer werden jetzt mit 90 statt bisher 75 Prozent an den Risikoüberschüssen beteiligt. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn Risikoüberschüsse entstehen nicht zufällig, sondern weil die Versicherer gesetzlich zu besonders vorsichtiger Kalkulation verpflichtet sind. und an diesen quasi automatischen Gewinnen sollen die Kunden nun mit 90 Prozent Anteil stärker profitieren.

2. Stille Reserven werden aufgeschoben

Sparer, deren Versicherungsvertrag endet (durch Ablauf oder Kündigung), müssen bisher an den so genannten Bewertungsreserven (stille Reserven) beteiligt werden. Im – grob gerechneten – Durchschnitt bekommt heute jeder ausscheidende Kunde etwas mehr als 400 Euro stille Reserven ausgezahlt – zusätzlich zu seiner normalen Versicherung-Ablaufleistung. Hierdurch sinken die Ausschüttungen der Versicherer an die bleibenden Sparer um rund ein Viertel(!). Außerdem die genannten 400 Euro eigentlich Scheingewinne.

#kurz erklärt: Alte, höher verzinsliche Staatsanleihen in den Büchern der Versicherer steigen in ihrem Wert; zum Teil um bis zu 40 Prozent! Da die Versicherer mangels Alternativen diese Wertpapiere nicht verkaufen, entsteht eine „stille Reserve“. Unter normalen Umständen ist diese auszuzahlen. Aber in diesen besonderen Zeiten anhaltender Minizinsen sind die stillen Reserven sozusagen künstlich aufgebläht – eine Ausschüttung an ausscheidende Kunden im Vergleich zu den bleibenden Kunden ist ungerecht.

Künftig dürfen die Lebensversicherer die Finanzierungslücke zwischen ihrem Zinsertrag und ihrer Zinsgarantie mit stillen Reserven auffüllen – „ausbalancieren“ nennt es das Finanzministerium. Nur wenn dann unterm Strich ein Überschuss entsteht, werden stille Reserven weiter an ausscheidende Kunden gezahlt. Welche Lebensversicherungssparer es tritt, richtet sich nach seinem Versicherer. Für namentliche Nennungen von Versicherern ist es noch zu früh!

Grafik: bundesfinanzministerium

Grafik: bundesfinanzministerium

3. Aktionäre werden geschröpft

Sobald ein Lebensversicherer stille Reserven kürzen muss, um seine gegebenen Zinsgarantien einhalten zu können, geht es auch ans Geld der Aktionäre. Die Versicherer dürfen in diesem Fall keine Dividenden mehr an ihre Anteilseigner ausschütten.

4. Provisionen werden gestutzt

Durch neue Steuerregeln können die Versicherer nicht mehr unbegrenzt Provisionen zahlen. Im Effekt werden dadurch die Provisionen der Versicherungsvermittler um bis zu 50 Prozent sinken. Außerdem werden schlussendlich weniger Kosten auf die Rendite der Lebensversicherungssparer drücken.

5. Zinsgarantien sinken auf Sparbuchniveau

Außerdem will die Bundesregierung den Garantiezins, den Lebensversicherer ihren Kunden höchstens zusagen dürfen, weiter senken. Ab 1. Januar auf 1,25 Prozent. Derzeit gelten noch 1,75 Prozent. In früheren Zeiten waren es bis zu vier Prozent – genau die vier Prozent-Garantien, unter denen die Versicherer ächzen.

1,25 Prozent?! Das sind Sparbuchzinsen. Unterm Strich sinkt die sichere Verzinsung der ab 2015 neu abgeschlossenen Lebensversicherungen noch weiter – nach Kosten auf rund 1,00 Prozent. Deshalb sind große Lebensversicherer wie Allianz, Axa und Ergo nun auf Policen ohne Garantie umgeschwenkt. Diese belasten die Bilanzen der Versicherer nicht und die Kunden bekommen ein Schnäpschen mehr Rendite. So gewährt die Allianz in diesem Jahr (nicht garantierte!) 4,5 Prozent Überschuss – 0,3 Prozentpunkte als bei der klassischen Police.

Erste Verkaufszahlen der garantiefreien Produkte zeigen: Die Kunden greifen bei diesen Policen zu (oder die Verkäufer werben verstärkt dafür).

Finanzberatung wird zum knappen Gut

Andererseits: Durch eine Halbierung der Provisionen wird die Dienstleistung Finanzberatung zunehmend zum knappen Gut – das sagen Prognosen der Vertriebsprofis der Versicherungsbranche,.

Ob diese Maßnahme insgesamt die private Altersversorgung der Deutschen stärkt, steht in den Sternen. Immerhin muss ein Finanzberater (ohne dass der Kunde es heute registrierte) bei seinen Empfehlungen fünf bis sieben Einkommensteuer-Paragrafen im Hinterkopf haben (vom dicken Sozialversicherungs-Gesetzbuch ganz zu schweigen). Allein aus der Riester-Rente hat der Staat ein Erklärungs- und Verwaltungsmonster gemacht. Wie soll der Bürger mit diesem Paragrafen- und Formularfriedhof künftig ohne Berater allein klarkommen?

Versicherer müssen transparenter werden

Auch die Lebensversicherer müssen Klarheit schaffen. Neben Angaben zu Kosten muss auch die Überschussbeteiligung durchsichtiger werden. Der Bund der Versicherten hat die Struktur der Überschussbeteiligung einmal ins Bild gesetzt. Die folgende Grafik müssen Sie nicht verstehen; Sie sollen lediglich die Komplexität der Überschussbeteiligung der Lebensversicherung erkennen (ein Klick aufs Bild führt zum PDF-Download).

Grafik: Bund der Versicherten

Grafik: Bund der Versicherten

 

2 Kommentare zu “Wie die Lebensversicherung saniert wird

  1. Eine schöne und übersichtliche Aufarbeitung der beabsichtigten Gesetzesänderungen!

    • Danke für das Lob vom Käpt’n persönlich! 🙂